Polizei und Sanität testen Vorfahrt im Mobilfunknetz

Die Blaulichtorganisationen sind je länger, je stärker abhängig vom Datenverkehr über das Mobilfunknetz. Doch weil dieses nicht für Krisensituationen taugt, plant der Bund ein sicheres Datennetz – und führt dazu an der Street Parade Messungen durch.

Lukas Mäder, Bern
(Bericht aus der NZZ vom 8.8.2018, 05:30 Uhr)

Kein Durchkommen mehr, auch für Daten auf dem Handynetz: Umzug der Street Parade 2017 auf der Quaibrücke in Zürich. (Bild Christian Merz / EPA)

Kein Durchkommen mehr, auch für Daten auf dem Handynetz: Umzug der Street Parade 2017 auf der Quaibrücke in Zürich. (Bild Christian Merz / EPA)
Wenn am kommenden Samstag an der Street Parade rund um das Zürcher Seebecken die Bässe wummern, dann ist dies für einige Techniker nur die Hintergrundmusik für ihre beinahe einzigartigen Feldversuche. Die Hunderttausende von Besuchern bringen regelmässig das Handynetz der drei Anbieter Swisscom, Sunrise und Salt an den Anschlag. Diese absehbar Ausnahmesituation nützen die Blaulichtorganisationen in Zürich und führen zum dritten Mal in Folge an der Street Parade Versuche für die mobile Datenkommunikation im Krisenfall durch – erstmals auch mit Beteiligung des Bundes.

Abhängig vom Handynetz

Heute übertragen Polizei, Feuerwehr und Sanität oft standardmässig wichtige Einsatzdaten über das herkömmliche Mobilfunknetz. Strassen- oder Gebäudepläne für die Feuerwehrleute vor Ort, Fotos zu gesuchten Personen oder Informationen über angehaltene Fahrzeuge für die Polizisten, die Disposition der Ambulanzen oder die Zuweisung der Patienten bei der Sanität – alles läuft heute über das Handynetz. Gleichzeitig weiss die Einsatzleitung in der Zentrale dank den Standortdaten immer genau, wo sich die Einsatzkräfte befinden. Die Datenübermittlung ist heute in vielen Bereichen bereits wichtiger als der Sprechfunk – und dieser Trend verstärkt sich noch.

Im Unterschied zum Sprechfunk, der über das eigene und gesicherte Netz Polycom läuft, geschieht der Datenaustausch heute über das herkömmliche Mobilfunknetz der kommerziellen Anbieter. Entsprechend gross ist die Abhängigkeit. Denn gelangt das Handynetz an seine Kapazitätsgrenze oder fällt es gar aus, wird die Einsatzführung massiv beeinträchtigt. Dies kann an einem Grossereignis wie der Street Parade bereits der Fall sein.

Keine Verbindung möglich

Was Polizei, Feuerwehr und Sanität brauchen, ist klar: eine priorisierte Verbindung, die ihre Daten bevorzugt behandelt. Von Swisscom und Blunet, das auf dem Sunrise-Netz läuft, gibt es bereits solche Angebote. Doch Messungen an der letzten Street Parade haben gezeigt, dass diese Priorisierung noch nicht zufriedenstellend funktioniert. Weil das Mobilfunknetz praktisch ausgelastet war, konnte teilweise gar keine Verbindung aufgebaut werden – und ohne Verbindung können die Daten auch nicht priorisiert werden.

Deshalb misst die Stadtpolizei Zürich in diesem Jahr erneut, wie schon 2017, wie gut die Priorisierung funktioniert. Laut der Stadtpolizei werden die Standortdaten der Love-Mobiles und einiger Einsatzkräfte übertragen. Weiter misst die Stadtpolizei, mit welcher Geschwindigkeit und mit welcher Verzögerung Videodaten an die Einsatzzentrale übertragen und Datenbanken abgefragt werden können. Die beiden Anbieter der Systeme haben dem Vernehmen nach zusätzliche Massnahmen versprochen, um die Priorisierung zu verbessern – dazu gehört auch das Verdrängen von bestehenden Sprach- und Datenverbindungen.

Zusätzlich baut die Kantonspolizei Zürich zusammen mit Schutz und Rettung Zürich und der Stadtpolizei Zürich wie schon in früheren Jahren zwei 4G-Mobilfunkmasten auf. Erstmals beteiligt sich daran auch der Bund. Die Antennen decken das Seebecken ab, wo der Umzug der Street Parade stattfindet. Dort misst Armasuisse im Auftrag des Bundesamts für Bevölkerungsschutz (Babs) die Geschwindigkeit und Verzögerung der Daten sowie die geografische Abdeckung der Antennen. Zudem nutzt Schutz & Rettung Zürich dieses separate Mobilfunknetz, um die Anzahl der Behandlungen in den Sanitätsposten vor Ort an die Zentrale beim Flughafen Kloten zu übermitteln. «Damit haben wir hieb- und stichfeste Zahlen über die Auslastung der Aussenstellen», sagt Felix Fischer von Schutz & Rettung Zürich. Früher seien die Zahlen trotz lauter Musik per Funk durchgegeben worden und deswegen wohl nicht immer bis ins letzte Detail korrekt gewesen.

Bund arbeitet an Pilotprojekt

Dass sich der Bund an den Messungen während der Street Parade beteiligt, ist kein Zufall – und es verleiht den Tests einen offiziellen Charakter. Bereits seit einiger Zeit stellen Bund und Kantone Überlegungen zur künftigen Datenübermittlung an. Im letzten Dezember erteilte der Bundesrat dem Verteidigungsdepartement VBS den Auftrag, Abklärungen im Hinblick auf ein mögliches Pilotprojekt namens Mobile Sicherheitskommunikation (MSK) vorzunehmen. Laut Peter Wüthrich, Chef Infrastrukturen beim federführenden Babs, ist dafür eine Zusammenarbeit mit den privaten Mobilfunkanbietern angedacht. Ein eigenes Mobilfunknetz wäre zu aufwendig.

Derzeit sieht das Konzept vor, die Mobilfunkanbieter zu verpflichten, den Behörden sowohl im Alltag als auch in ausserordentlichen Situationen eine gewisse Abdeckung und Datengeschwindigkeit zur Verfügung zu stellen. Dazu muss zum einen der Datenverkehr der Blaulichtorganisationen priorisiert werden, wie dies nun an der Street Parade getestet wird. Zum anderen muss ein Teil der Antennen besonders geschützt sein, insbesondere vor einem Stromausfall während 72 Stunden.

Gleichzeitig sollen Bund, Kantone und Städte auch eigene lokale Teilnetze aufstellen können, koordiniert vom Babs. Dies kann entlang der nationalen Hauptachsen der Fall sein, in grösseren Städten, wo zusätzliche Datenkapazitäten benötigt werden, oder in abgelegenen Grenzregionen, wo die bestehende Abdeckung für die Bedürfnisse des Grenzwachtkorps nicht ausreicht. «Das hat den Vorteil, dass zum Beispiel ein Kanton selbst entscheiden kann, ob er in ein eigenes, zusätzlich gesichertes Netz investieren will», sagt Wüthrich.

Kosten noch offen

Für diese lokalen Netze hat das Bundesamt für Kommunikation Frequenzen reserviert. Realisiert würden sie aber möglicherweise auch von einem der bestehenden Telekommunikationsunternehmen. «Denn es geht um komplexe Technik, die sich rasch weiterentwickelt», sagt Wüthrich. Und auch die Kosten spielen eine Rolle. Wie hoch diese ausfallen könnten, ist laut dem Babs derzeit noch unklar. Spätestens im nächsten Frühjahr dürfte eine Schätzung vorliegen, denn dann soll der Bundesrat über das Pilotprojekt beraten.